Unter südlicher Sonne

Antiker Silberring mit Mikromosaik der Cestius-Pyramide, um 1860

„Dulde mich, Jupiter, hier, und Hermes führe mich später [an] Cestius Mal vorbei, leise zum Orkus hinab.“ In seinen „Römischen Elegien“ beschreibt Goethe das höchste Glück auf Erden: In der Ewigen Stadt sein zu dürfen, sogar um den Preis, mit dem eigenen Tode zu bezahlen. Der Ort seines Unterganges in das Reich der Toten solle ihn an der Pyramide des Cestius vorbeiführen. Noch heute ragt der pyramidenförmige Bau, das Grabmal des im Jahr 12 nach Christus verstorbenen Prätors und Volkstribuns Gaius Cestius Epulo, in der Nähe des Lokalbahnhofs Ostiense an der Straße nach Ostia in den Himmel. Der hier vorliegende Ring zeigt eine Ansicht der Pyramide, zusammengesetzt aus farbigen Glasteinen. Die Ansicht ist skizzenhaft aber präsent, sehr schön ist die Farbigkeit mit ihren Pastelltönen, welche das einzigartige Licht Roms im kleinen Format eingefangen hat. Ein solches Mikromosaik war im 19. Jahrhundert ein typisches Souvenir jeder Reise nach Rom, wo die Technik des Mosaiks seit der Antike gepflegt wurde. Der Ring ist in den Jahren um 1860 herum entstanden und fasst das Mosaik in Silber. So kann es ein Begleiter zu besonderen Gelegenheiten sein, der die Sehnsucht nach dem Süden weckt und zugleich an die Endlichkeit jeder Schönheit erinnert.

Der Ursprung der Kunst des Mikromosaiks liegt in Rom. Hier, genauer im Vatikan, bestand seit dem 16. Jahrhundert eine Werkstatt für Mosaike aus Glassteinen. Zunächst um die im Petersdom aufgestellten Altargemälde in dauerhafter Form gegen Kerzenruß, Feuchtigkeit und Dreck zu schützen, welche die vielen Pilger in die Kirche brachten. Später, nachdem diese Aufgabe dann abgeschlossen war, entstanden weiterhin Gemäldekopien sowie Landschaftsdarstellungen in Gemäldegröße. Die Idee, diese letztlich antike Technik auch für Schmuckstücke und zur Dekoration kunstgewerblicher Gegenstände zu nutzen, entstand zum Ende des 18. Jahrhunderts. Im Rahmen der Grand Tour erreichten zahllose Reisende aus Nordeuropa die Stadt und erzeugten eine große Nachfrage nach Souvenirs. Nicht zuletzt um diesen Markt zu bedienen, entstand eine ganz neue Kunstform: Mikromosaike sind klein und transportabel und eigneten sich daher ganz besonders dazu, mit in die Heimat im Norden genommen zu werden. Da sie außerdem meist die Schönheiten Roms oder Motive aus der Antike zeigen, verwundert ihr Erfolg als Reiseerinnerung kaum. Die „Erfindung“ des Mikromosaiks verbindet sich vor allem mit Giacomo Raffaelli und Cesare Aguatti, welche um das Jahr 1775 herum diese Technik perfektionierten. Sie begründeten eine Tradition, aus der bis zum Ende des 19. Jahrhunderts Mosaike mit einem derartigen Detailreichtum und Kunstfertigkeit entstanden, welche nie zuvor und auch nicht mehr danach erreicht wurde. Denn bis heute werden in Rom entsprechende Mosaike hergestellt, wenn auch in deutlich minderer Qualität. Vgl. zur Technik und Geschichte des Mikromosaiks die einschlägige Literatur: Maria Grazia Branchetti: Mosaici minuti romani, Rom 2004, mit vielen Arbeiten Giacomo Raffaellis, sowie Roberto Grieco/Arianna Gambino: Roman Mosaic. L’arte del micromosaico fra ’700 e ’800, Mailand 2001.

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