Zauber der Vergangenheit

Antikes Collier im archäologischen Stil aus Gold, um 1875

An einer kräftigen Kette aus gewobenem Gold ist ein großer, warm leuchtender Anhänger befestigt. Eine in langen Gewändern gekleidete Frau ist hier, einer Statue gleich, auf einer goldenen Plakette dargestellt. Lange Pendel rahmen ihr Bildnis rechts und links, eine große leuchtende Kugel aus Gold schließt den Entwurf nach unten ab. Weitere Kugeln gliedern die Kette. und schaffen so eine Verbindung zwischen Kette und Anhänger. Das hier vorliegende Collier spricht die Sprache des sog. Archäologischen Stils des späten 19. Jahrhunderts. In Italien entstanden in jenen Jahre zahlreiche Schmuckstücke, welche an die Kunst der Römer und der Etrusker anschlossen. Die noch junge Nation suchte nach Traditionslinien und die Zivilisationen der Antike stellten hier Möglichkeiten zur Identifikation bereit. Die in eleganten Gravuren dargestellte Frau mag eine Etruskerin darstellen. Auf den überlieferten Zeugnissen dieser alten Kultur, welche in den heutigen Regionen Toskana, Umbrien und Latium lebte, sind die Frauen meist mit Kopftüchern und Gewändern ganz ähnlich wie hier dargestellt. Berühmt ist etwa der „Sarcofago degli Sposi“, der Sarkophag der Eheleute aus dem 6. Jh. v. Chr., der heute im Museo Nazionale di Villa Giulia aufbewahrt wird – Einem Museum, das auch den Umfangreichen Nachlass der römischen Goldschmiededynastie der Castellani beherbergt, die stilbildend war für den Archäologischen Stil.

Bis zum Beginn des 19. Jahrhunderts waren die Formen wirklich antiken Schmucks noch unbekannt. Weder in der Renaissance, noch im Klassizismus hatten Ausgrabungen echten Schmuck der Alten hervorgebracht. Die Entwürfe dieser Epochen waren lediglich Annäherungen an ein Ideal gewesen, das man sich aus anderen Zusammenhängen wie der Architektur erschließen musste. Mit der Entdeckung echten etruskischen Schmucks ab den 1820er Jahren in Italien änderte sich dies schlagartig. Prinzessin Alexandrine von Canino etwa war dafür bekannt, gern einige auf ihrem Landsitz bei Rom gefundene original etruskische Schmuckstücke zum Neid ihrer Freundinnen zu tragen. Doch die Zahl der Stücke, die ja alle Zufallsfunde waren, bleib gering und originalen, Jahrtausende alten etruskischen Schmuck konnte weiterhin nur ein Bruchteil der Damen besitzen. Daher begannen die Goldschmiede jener Jahre schon bald, Schmuckstücke nach nun endlich bekannten antiken Formen herzustellen. Besonders Pio Castellani aus Rom und seine Söhne taten sich hier hervor und gestalteten Schmuck, der ab der Mitte des Jahrhunderts zu einem in ganz Europa bekannten Markenzeichen und einer wahren Mode wurde. In Deutschland und Österreich entstanden entsprechende Stücke ab den mittleren 1860er Jahren. Zum Schmuck der Castellani vgl. ausführlich Susan Weber Soros/Stefani Walker (Hg.): Castallani and Italian Archaeological Jewelry, New Haven/London 2004.

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