Schwanensee

Außergewöhnliches Mikromosaik-Medailllon als Brosche & Anhänger in Gold, Rom um 1870

„Nun sei bedankt, mein lieber Schwan! Zieh durch die weite Flut zurück, dahin, woher mich trug dein Kahn, kehr wieder nur zu unsrem Glück!“ Mit diesen Worten tritt Lohengrin, der göttliche Held in Wagners gleichnamiger Oper, zum ersten Mal vor das Publikum. Von einem Schwan gezogen, kommt er auf einem Nachen den Menschen Brabants zur Hilfe. Auf einem Boot, von einem Schwan gezogen? Der Schwan ist seit Alters her Symbol der Liebe und wird häufig im Zusammenhang mit Amor oder der Liebesgöttin Venus dargestellt. Die großen Vögel gehen (ganz im Gegensatz zu diesen beiden notorisch promisken Göttern) lebenslange monogame Beziehungen ein; auch wird gesagt, sie könnten Liebe empfinden. Wagner konnte bei der Konzeption seines Lohengrins von 1850 hierauf aufbauen. Und auch Tschaikowskis Schwanensee, uraufgeführt 1877 in Moskau, rezipiert den Mythos vom Schwan als Liebestier. Das hier vorliegende Medaillon, eine feinste Arbeit aus Mikromosaik und Gold, ist in Italien in der Dekade vor der Uraufführung des Schwanensee entstanden. Auf seiner Vorderseite befindet sich ein eingetieftes Feld mit einem ausgesprochen feinen Mosaik aus winzigen Glastesserae. Wir sehen eine wundervolle Teichlandschaft in deren Mitte sich ein Schwan aus den Fluten erhebt. Wunderbar irisierend schimmert die Unterseite seiner Flügel. Eine Blumengirlande aus Mikromosaik, goldenen Blüten und himmelblauen Türkisen umrahmt die Szenerie. Feine Goldkügelchen und historisierenden Ornamente bilden den äußeren Rahmen der sowohl als Anhänger wie auch als Brosche zu tragenden Arbeit. Auf der Rückseite können in einem verglasten Fach eine Haarlocke oder eine Fotografie sicher verwahrt werden. Wem an dieser Stelle einst in Liebe gedacht wurde? Die Antwort bleibt wohl für immer im Dunkel der Geschichte verborgen. Sicher ist jedoch das Mikromosaik ein außergewöhnliches Schmuckstück, fein gesetzt, symbolisch aufgeladen und einfach bewunderungswürdig schön!

Der Ursprung der Kunst des Mikromosaiks liegt im Rom. Hier, genauer im Vatikan, bestand seit dem 16. Jahrhundert eine Werkstatt für Mosaike aus Glassteinen. Zunächst um die im Petersdom aufgestellten Altargemälde in dauerhafter Form gegen Kerzenruß, Feuchtigkeit und Dreck zu schützen, welche die vielen Pilger in die Kirche brachten. Später, nachdem diese Aufgabe dann abgeschlossen war, entstanden weiterhin Gemäldekopien sowie Landschaftsdarstellungen in Gemäldegröße. Die Idee, diese letztlich antike Technik auch für Schmuckstücke und zur Dekoration kunstgewerblicher Gegenstände zu nutzen, entstand zum Ende des 18. Jahrhunderts. Im Rahmen der Grand Tour erreichten zahllose Reisende aus Nordeuropa die Stadt und erzeugten eine große Nachfrage nach Souvenirs. Nicht zuletzt um diesen Markt zu bedienen, entstand eine ganz neue Kunstform: Mikromosaike sind klein und transportabel und eigneten sich daher ganz besonders dazu, mit in die Heimat im Norden genommen zu werden. Da sie außerdem meist die Schönheiten Roms oder Motive aus der Antike zeigen, verwundert ihr Erfolg als Reiseerinnerung kaum. Die „Erfindung“ des Mikromosaiks verbindet sich vor allem mit Giacomo Raffaelli und Cesare Aguatti, welche um das Jahr 1775 herum diese Technik perfektionierten. Sie begründeten eine Tradition, aus der bis zum Ende des 19. Jahrhunderts Mosaike mit einem derartigen Detailreichtum und Kunstfertigkeit entstanden, welche nie zuvor und auch nicht mehr danach erreicht wurde. Denn bis heute werden in Rom entsprechende Mosaike hergestellt, wenn auch in deutlich minderer Qualität. Vgl. zur Technik und Geschichte des Mikromosaiks die einschlägige Literatur: Maria Grazia Branchetti: Mosaici minuti romani, Rom 2004, mit vielen Arbeiten Giacomo Raffaellis, sowie Roberto Grieco/Arianna Gambino: Roman Mosaic. L’arte del micromosaico fra ’700 e ’800, Mailand 2001.

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