Am Ende des Regenbogens

Dramatisches Karneol-Intaglio aus der Sammlung von Stanislas Poniatowski, um 1815

Die Ilias, die Odyssee, die Aeneis: Die großen Epen der Antike fesseln mit ihrer Dramatik und ihren großen Emotionen seit Jahrtausenden ihre Leser bzw. Zuhörer, bieten Stoff für die Künstler aller Gattungen – und boten auch für die wohl spektakulärste Sammlung in Stein geschnittener Gemmen die Inspiration, welche je zusammengetragen wurde: Die Sammlung des Prinzen Poniatowski (1754–1833), dem Neffen des Königs von Polen. Im Zuge der polnischen Teilungen war Poniatowski ins Exil nach Italien gegangen und widmete sich hier seiner Liebe zur Kunst. Er legte eine umfangreiche Gemmensammlung an, die er unter dem Titel „Catalogue des Pierres Gravées Antiques“ ab 1820 veröffentlichen ließ – in der Absicht also, seine Sammlung als Kollektion antiker Gemmen bekannt zu machen. Nach seinem Tod wurde die etwa 2600 Steine umfassende Sammlung im April 1839 bei Christies in London versteigert – und führte zu einem Skandal, der die Kunstwelt erschütterte. Die zuvor geradezu sagenumwobene Sammlung erstklassiger vermeintlich antiker Gemmen mit zuvor ungesehenen Motiven stellte sich als Ansammlung moderner, für den Fürsten neu geschnittener Steine heraus. Zahlreiche der erstklassig erhaltenen Gemmen waren von den bedeutendsten Bildhauern der Antike signiert – doch anstelle dies als Zeugnis ihres Alters zu verstehen, erwuchs gerade hieran die Kritik: Die Sammlung wurde als zu unwahrscheinlich, als zu gut und zu wunderbar erachtet, als dass sie echt sein konnte. Der Skandal um den vermeintlichen Betrug überschattete die Wahrnehmung der Gemmen. Denn Poniatowski hatte selbst die Künstler engagiert, um die interessantesten, bislang ungesehenen Szenen in Stein zu schneiden. Doch sind ihre Werke keine bloßen Imitationen antiker Vorlagen, sondern gehören zu den besten Bildschöpfungen ihrer Zeit überhaupt. Die Forschung der letzten Jahrzehnte hat die hohe Qualität der Intaglien rundherum gewürdigt und so stellen sich die Gemmen des Prinzen heute als ein Höhepunkt der klassizistischen Kunst dar, außergewöhnlich in ihren Bildfindungen und meisterhaft im Schnitt. Das hier vorliegende Intaglio in Karneol, eine Gemme aus dem ehemaligen Besitz des Prinzen, ist ein herausragendes Beispiel für die besondere Qualität dieser Gemmen. Wir erblicken den zentralen Moment des 5. Buchs des Aeneis. Die Trojanerinnen, müde von der jahrelangen Irrfahrt, legen Feuer an die Schiffe des Aeneas. Juno sandte ihnen die Götterbotin Iris, die Göttin des Regenbogens, um sie zu dieser Tat zu bewegen und die Weiterfahrt nach Italien zu verhindern. Iris schwebt von rechts heran, ihr Regenbogen zieht sich über den Himmel. Die Frauen mit Fackeln stürmen nach links zu den Schiffen: Schon lodern die Flammen und Rauch steigt auf. Was Poniatowski dazu bewog, diese Szene für seine Sammlung in Stein schneiden zu lassen, lässt sich nur mutmaßen. Dass sein eigener Ruhm wie die Schiffe zwischenzeitlich sich in Rauch auflösen sollte, ahnte er sicher noch nicht: Doch wie die Krieger des Aeneas von diesem Zwwischenfall nur kurz sich zurückweisen ließen, so wuchs auch der Ruhm der Gemmensammlung trotz der Rückschläge weiter. Denn die außergewöhnliche Paarung von Dramatik und Bewegung mit klassizistischer Ruhe und Schönheit macht im Fall dieses Stückes noch heute staunen. Die große und erstklassig erhaltene Gemme mit der (angeblichen) Signatur des Polyklet lässt sich in allen Katalogen der Sammlung nachweisen. Die entsprechenden Belege finden Sie unter „Erfahren Sie mehr“. Es handelt sich daher sicher um ein für den Prinzen in den Jahren um 1815 entstandenes Intaglio. Die Fassung aus hochkarätigem Gold mit feinem, blauen Email ist sicher bereits im 19. Jahrhundert dem Karneol hinzugefügt worden.

Zur Sammlung Poniatowski vgl. Claudia Wagner: Fable and history. Prince Poniatowski’s neo-classical gem collection, in Excalibur. Essays on Antiquity ... in Honour of Arthur MacGregor, hg. von Michael Vickers/Hildegard Weigel, Oxford 2013, S. 145–150, sowie Erika Zwierlein-Diehl: Antike Gemmen und ihr Nachleben, Berlin/New York 2007, S. 302–304, Getrud Platz-Horster: L’antica maniera. Zeichnungen und Gemmen des Giovanni Calandrelli, Kat. Ausst. Antikensammlung SMB, Berlin/Köln 2005, S. 13–21, sowie aus populärerer Perspektive Judy Rudoe: The Poniatowski Gems, in: Fake? The Art of Deception, hg. von Mark Jones, London 1990, S. 149–150. Zeitgenössisch wurde die Sammlung noch zu Lebzeiten des Prinzen im Privatdruck publiziert als Catalogue des Pierres Gravées Antiques de S.A. le Prince Stanislas Poniatowski, ohne Jahr und ohne Ort, wohl um 1820 in Rom erschienen, zwei weitere, erläuternde Bände dann in Florenz 1832–1833. Die hier vorliegende Gemme findet sich in Bd. 1, S. 95, Nr. 34: „Les femmes Troyennes mettent le feu aux vaisseaux d’Enée / POLYCLETES gr. / Sardoine orientale. M.“ Erneut aufgeführt auch in Bd. 2, S. 237, Nr. 34: „Pendant qu’on célébrait les jeux funèbres à la mémoire d’Anchise, les femmes Troyennes sur le rivage, dans un endroit écarté près des vaisseaux pleuraient sa mort. Fatiguées d’une navigation de sept années elles regardaient avec peine la vaste étendue des mers et désiraient qu’une demeure fixe mit un terme à leurs courses maritimes. «... cunctaeque profundum Pontum aspectabant flentes; ... Urbem orant, taedet pelagi perferre laborem.» Junon toujours ennemie du nom Troyen profita de leur disposition; elle envoya Iris pour les exciter à brûler les vaisseaux (Enéide liv. V). On voit ici les femmes Troyennes qui animées par la Messagère céleste mettent le feu à la flotte d’Enée. Sujet fort bien rendu et exécuté avec beaucoup d’élégance par Polyclète. Sardoine orientale. Médaillon.“ Die Sammlung von rund 2601 Intaglien wurde nach dem Tod des Prinzen 1833 im April 1839 bei Christies’s in London versteigert, wobei die hier vorliegende Gemme als Lot 395 angeboten wurde. Sie wurde durch John Tyrell in Glauben an ihren antiken Ursprung erworben, der in der Folge die von ihm für die erstaunliche Summe von 65.000 Pfund erworbenen Exemplare (ein Teil der ursprünglichen Sammlung) erneut und nun auf Englisch publizieren ließ durch James Prendeville: Explanatory Catalogue of the Proof-Impressions of the Antique Gems Possessed by the Late Prince Poniatowski And Now in the Possession of John Tyrrell, Esq, London, 1841, hier S. 719f., Nr. 1112. In späteren Jahren wurden die Gemmen dann weiterverkauft und die Sammlung immer weiter verstreut. Durch die frühen Publikationen sowie die ebenfalls bereits früh von den Gemmen erstellen Abgüsse, welche sich heute in zahlreichen Sammlungen wie der Antikensammlung der Staatlichen Museen Berlin und dem Beazley Archive der Universität Oxford befinden (Dort als Nr. T1112), lassen sich die Gemmen immer wieder eindeutig identifizieren und ihr Weg so seit ihrer Entstehung in Rom in den Jahren um 1815 nachverfolgen. Wir haben den Intaglio im britischen Kunsthandel aus einer Privatsammlung erwerben können.

Wir möchten, dass Sie zu 100% zufrieden sind! Daher begutachten, beschreiben und fotografieren wir alle unsere Schmuckstücke mit größter Sorgfalt.

Bei unseren Bewertungen des antiken Schmucks können Sie sich auf unsere jahrelange Erfahrung im Handel sowie unsere Expertise als studierte Kunsthistoriker verlassen. Als Mitglied in verschiedenen Händlerorganisationen sowie der britischen Society of Jewellery Historians haben wir uns hier zu größter Exaktheit verpflichtet. In unseren Beschreibungen weisen wir stets auch auf etwaige Altersspuren und Defekte hin, die wir auch in unseren Fotos nicht verbergen - damit Sie, wenn unser Paket zu Ihnen kommt, keine unangenehmen Überraschungen erleben müssen.

Sollten Sie aus irgendeinem Grund doch einmal nicht zufrieden sein, nehmen Sie bitte mit uns Kontakt auf und wir finden umgehend eine gemeinsame Lösung. Unabhängig davon können Sie innerhalb von 30 Tagen jeden Artikel zurückgeben und wir erstatten Ihnen den vollen Kaufpreis.


5 Gründe, die Sie zum Strahlen bringen