Umbilicus urbis

Große Ohrringe mit feinen Mikromosaiken, um 1860

Als „Umbilicus urbis“, als Nabel der Welt, verstand sich in der antike Rom. Die Hauptstadt des antiken Weltreiches war der Mittelpunkt der Welt, und der Mittelpunkt Roms war das Forum Romanum. Hier, inmitten der Tempel und Denkmäler für Götter, Kaiser und Helden bestand sogar ein noch genauer bezeichneter Ort, der genau die Mitte der Welt anzeigen sollte: Der Nabel der Welt, ein Tempel, welchen bereits Romulus errichtet haben sollte, der sagenhafte Gründer der Stadt Rom. Wir mussten an dieses Zentrum immer weiter sich staffelnder Kreise denken, als wir die hier vorliegenden, großen Ohrringe des mittleren 19. Jahrhunderts erwerben konnten. Jeder der beiden schlichten Ohrhänger trägt in einer zurückhaltenden Rahmung aus Gold ein in Glas und Malachit gesetztes, besonders fein ausgeführtes Mikromosaik. Dessen feinste Glassteine zeigen unter dem sanft zwischen rosa und hellblau changierenden Himmel Roms zwei Ansichten des Forum, genauer: seiner beiden Endpunkte. Der eine Ohrring bezeichnet mit den drei Säulen des Vespasianstempels das Nordwestende des Forums, unterhalb des Kapitolshügels. Das andere Mosaik zeigt uns das Flavische Amphitheater, das Kolosseum, welches wir noch heute am südöstlichen Ende des Forums finden. Beide Ruinen sind fein und eleganten Schattierungen ausgeführt; auch das die Steine umwuchernde Grün ist zu entdecken, das bis zum Beginn der umfassenden Ausgrabungen nach 1871 die Wahrnehmung der Ruinen wesentlich prägte. Die einfachen Bügel der wohlerhaltenen Ohrringe lassen diese beiden Ansichten beweglich und schön das Gesicht der Trägerin begleiten, so, wie die beiden dargestellten Orte das tatsächliche Forum rahmen. Ist es da abwegig, sich selbst ein wenig im Zentrum der Welt zu fühlen?

Der Ursprung der Kunst des Mikromosaiks liegt im Rom. Hier, genauer im Vatikan, bestand seit dem 16. Jahrhundert eine Werkstatt für Mosaike aus Glassteinen. Zunächst um die im Petersdom aufgestellten Altargemälde in dauerhafter Form gegen Kerzenruß, Feuchtigkeit und Dreck zu schützen, welche die vielen Pilger in die Kirche brachten. Später, nachdem diese Aufgabe dann abgeschlossen war, entstanden weiterhin Gemäldekopien sowie Landschaftsdarstellungen in Gemäldegröße. Die Idee, diese letztlich antike Technik auch für Schmuckstücke und zur Dekoration kunstgewerblicher Gegenstände zu nutzen, entstand zum Ende des 18. Jahrhunderts. Im Rahmen der Grand Tour erreichten zahllose Reisende aus Nordeuropa die Stadt und erzeugten eine große Nachfrage nach Souvenirs. Nicht zuletzt um diesen Markt zu bedienen, entstand eine ganz neue Kunstform: Mikromosaike sind klein und transportabel und eigneten sich daher ganz besonders dazu, mit in die Heimat im Norden genommen zu werden. Da sie außerdem meist die Schönheiten Roms oder Motive aus der Antike zeigen, verwundert ihr Erfolg als Reiseerinnerung kaum. Die „Erfindung“ des Mikromosaiks verbindet sich vor allem mit Giacomo Raffaelli und Cesare Aguatti, welche um das Jahr 1775 herum diese Technik perfektionierten. Sie begründeten eine Tradition, aus der bis zum Ende des 19. Jahrhunderts Mosaike mit einem derartigen Detailreichtum und Kunstfertigkeit entstanden, welche nie zuvor und auch nicht mehr danach erreicht wurde. Denn bis heute werden in Rom entsprechende Mosaike hergestellt, wenn auch in deutlich minderer Qualität. Vgl. zur Technik und Geschichte des Mikromosaiks die einschlägige Literatur: Maria Grazia Branchetti: Mosaici minuti romani, Rom 2004, mit vielen Arbeiten Giacomo Raffaellis, sowie Roberto Grieco/Arianna Gambino: Roman Mosaic. L’arte del micromosaico fra ’700 e ’800, Mailand 2001.

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