Wenn Träume Flügel bekommen

Heitere Schmetterlingsbrosche aus Naturperlen und Edelsteinen, Deutschland um 1890

Die Jahre um 1890 brachten eine neue Mode in den Bereich des Schmucks: Insektenbroschen waren der letzte Schrei in den Metropolen Europas, und besonders Schmetterlinge, Bienen und Libellen setzten sich auf die Krägen und Dekolletees der Damen. Reich besetzt mit Edelsteinen und selten einfarbig, sondern meist in bunter Fülle aus Diamanten, Rubinen, Smaragden und Saphiren, blieben diese Broschen bis in die ersten Jahre des 20. Jahrhunderts stets nachgefragt und Ausweis sicheren Geschmacks. Der vorliegende Schmetterling ist ein echtes Juwel dieser Jahre und hat uns sofort ein Lächeln in unsere Gesichter gezaubert, als wir ihn aus einem westdeutschen Adelsnachlass erwerben konnten. Der große, mit Edelsteinen reich besetzte Falter besteht nur aus kostbaren Materialien. Auch die hier angewandte Technik ist bemerkenswert: Seine Flügel sind beweglich auf Federn gelagert, so dass Sie sich bei jeder Bewegung seiner Trägerin ebenfalls bewegen und fröhlich zittern. Der bemerkenswerte Falter hat sich auf einem goldenen Stab niedergelassen. Eine große, kostbare Naturperle in Tropfenform bildet seinen Körper und eine weitere Orientperle schmückt den Stab, auf dem der Schmetterling ruht. Zwei rote, natürliche Spinelle und zwei blaue Saphire sind als funkelnde Blickpunkte zwischen schimmernde Diamantrosen gesetzt und bilden die Flügel des Falters. Ein herrlicher Smaragd im kissenförmigen Cabochonschliff bildet den Mittelpunkt des Tieres. Die kluge Verteilung der Edelsteine gibt dem Schmetterling eine wunderbare Naturnähe, die ihn gleichzeitig abstrahiert. Ausgehend vom barocken Körper der Perle über den Smaragd und die blauen Saphire entspinnt sich ein strahlender Verlauf des Lichtes bis hin zu den seltenen roten Spinellen in den oberen Flügelteilen. Die Farbvielfalt des Stückes gestattet Kombinationen in beinahe allen Farben, doch auch auf dunkler Stofflichkeit erstrahlt das Juwel und wird seine Wirkung nicht verfehlen. (Vgl. ähnliche Stücke etwa in David Bennett/Daniela Mascetti: Understanding Jewellery, London 2010, S. 229ff.)

Im späten 19. Jahrhundert entstand eine neue, nie zuvor gesehene Art von Schmuckstücken: Sogenannte „Novelty Jewellery“ sorgte durch neue, überraschende und bis dato undenkbare Formen und Materialzusammenstellungen für Furore: So ließen sich mit einem Mal Vögelchen auf Schaukeln nieder und wurden zu Ohrgehängen. Viele Gegenstände des täglichen Lebens fanden ihren Weg an das Revers der Damen und Herren, wie Tennis- und Golfsschläger sowie Briefmarken, doch auch die technische Welt fand in dieser Mode ihren Niederschlag. Maschinen, Automobile en miniature und auch das neuartige Telefon bildeten überraschende Blickpunkte. Sinn und Zweck dieser Stücke war es, in Gesellschaft für Anknüpfungspunkte zum Gespräch zu sorgen. Bei Geburtstagsfeiern konnte eine Brosche mit dem Geburtsjahr der oder des Gefeierten eine sympathische Geste sein, bei gemeinsamen Ausflügen zur Jagd eine Fuchsbrosche dem Rahmen entsprechend die Garderobe ergänzen. Sogar durch Batterien aus den Augen leuchtende Totenschädel wurden angeboten, um bei einer Dinnerparty einen makabren, aber doch heiteren Akzent zu setzen. Dabei handelte es sich bei den Schmuckstücken nicht ausschließlich um Modeschmuck. Viele Stücke waren natürlich für den einmaligen Gebrauch konzipiert und aus preiswerten Materialien hergestellt. Die immer weiter fortgeschrittene Industrialisierung auch im Schmuckbereich erlaubte mit einem mal die massenweise Herstellung von vergoldeten und auch nur goldfarbenen Broschen und Anhängern. Doch auch namhafte Goldschmiede schufen kleine Novelty-Stücke aus kostbaren Metallen, besetzt mit edlen Steinen, denn die Mode des Kuriosen, Überraschenden und Heiteren lebte in allen Schichten der Gesellschaft: Tatsächlich nahm die königliche Familie in Großbritannien hier sogar eine Vorreiterrolle ein - und setzte mit ihrem Juwelengebrauch den Maßstab, an dem sich ihre Untertanen dann messen lassen wollten. Mehr zu diesem spannenden Thema erfahren Sie bei Charlotte Gere / Judy Rudoe: Jewellery in the Age of Queen Victoria, London 2010, S. 190-247.

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