Irrungen und Wirrungen

Himmlisches Intaglio mit Aurora & Orion aus der Sammlung Poniatowski in Gold, um 1815

Ein Drama am Nachthimmel. Orion, Sohn des Poseidon, war ein Jäger; schön, tapfer, doch in Liebesdingen nicht so recht beschlagen. Die von ihm angebetete Merope konnte er nicht haben, da ihr Vater sie ihm verweigerte. Stattdessen entführte ihn Aurora, die Morgenröte, auf die Insel Delos, wo ihn aus Eifersucht bald Artemis tötete. Aus Gram über ihre eigene Tat versetzte diese ihn dann als Sternbild an den Himmel. Alle Spielarten der Liebe also in einer Geschichte: Eifersucht, versagte und unerwiderte Liebe, Lust und Verzweiflung. Kein Wunder, dass die Erzählung die hier vorliegende, fabelhafte Intaglio in Karneol inspirierte. Wir sehen die Protagonisten just in dem Moment, in dem der starke Jüngling von der geflügelten Göttin geraubt wird. Noch sind beide über den Wassern, doch nähern sie sich schon der felsigen Insel. Wild bewegt sind Flügel und Gewänder; halb zieht sie ihn, halb sinkt er hin, möchte man meinen. Und über der Szene leuchtet schon der Stern, in den Orion bald verwandelt wird. Das detailreiche Intaglio, das diese Szene so dramatisch zeigt, ist ein besonderes Stück Kunstgeschichte, denn es stammt aus der legendären Sammlung des Prinzen Poniatowski, dem Neffen des Königs von Polen. Im Zuge der polnischen Teilungen war Poniatowski (1754–1833) ins Exil nach Italien gegangen und widmete sich hier seiner Liebe zur Kunst. Er legte eine nie zuvor gesehene Gemmensammlung an, die er ab 1820 unter dem Titel „Catalogue des Pierres Gravées Antiques“ veröffentlichen ließ – in der Absicht also, seine Sammlung als Kollektion antiker Gemmen bekannt zu machen. Gipsabgüsse der schönsten Motive gelangten u.a. in die königlichen Sammlungen in Berlin. Nach seinem Tod wurde die etwa 2600 Steine umfassende Sammlung im April 1839 bei Christies in London versteigert – und führte zu einem Skandal, der die Kunstwelt erschütterte. Die zuvor geradezu sagenumwobene Sammlung erstklassiger, vermeintlich antiker Gemmen mit zuvor ungesehenen Motiven stellte sich als Ansammlung moderner, für den Fürsten neu geschnittener Steine heraus. Zahlreiche der erstklassig erhaltenen Gemmen waren von den bedeutendsten Bildhauern der Antike signiert – doch anstelle dies als Zeugnis ihres Alters zu verstehen, erwuchs gerade hieran die Kritik: Die Sammlung wurde als zu unwahrscheinlich, als zu gut und zu wunderbar erachtet, als dass sie echt sein konnte. Der Skandal um den vermeintlichen Betrug überschattete die Wahrnehmung der Gemmen für Generationen. Denn der Prinz hatte selbst die Künstler engagiert, um die interessantesten, bislang ungesehenen Szenen aus den Metamorphosen, aus Odyssee und Ilias in Stein zu schneiden. Doch sind ihre Werke keine bloßen Imitationen antiker Vorlagen, sondern gehören zu den besten Bildschöpfungen ihrer Zeit überhaupt. Die Forschung der letzten Jahrzehnte hat die hohe Qualität der Intaglien gewürdigt und so stellen sich die Gemmen heute als ein Höhepunkt der klassizistischen Kunst dar, außergewöhnlich in ihren Bildfindungen und meisterhaft im Schnitt. Wer die Gemme mit der Entführung des Orion in den Jahren kurz nach 1800 für den polnischen Prinzen fertigte, ist heute vergessen. Signiert ist der Stein mit dem antiken Künstlernamen Gnaios. Ob es den unbekannt gebliebenen Künstler schmerzte, sich hinter dem Namen eines Anderen verbergen zu müssen, oder ob er Trost empfand, dass schon die alten Sagengestalten nicht immer das erlangen durften, wonach es ihnen verlangte? Die große und erstklassig geschnittene Gemme lässt sich in den Katalogen der Sammlung seit 1820 durchgängig nachweisen. Die entsprechenden Belege finden Sie unter „Erfahren Sie mehr“. Die Fassung der Gemme in Gold ist wohl in den 1850er Jahren dem Karneol hinzugefügt worden.

Zur Sammlung Poniatowski vgl. Claudia Wagner: Fable and history. Prince Poniatowski’s neo-classical gem collection, in Excalibur. Essays on Antiquity ... in Honour of Arthur MacGregor, hg. von Michael Vickers/Hildegard Weigel, Oxford 2013, S. 145–150, sowie Erika Zwierlein-Diehl: Antike Gemmen und ihr Nachleben, Berlin/New York 2007, S. 302–304, Getrud Platz-Horster: L’antica maniera. Zeichnungen und Gemmen des Giovanni Calandrelli, Kat. Ausst. Antikensammlung SMB, Berlin/Köln 2005, S. 13–21, sowie aus populärerer Perspektive Judy Rudoe: The Poniatowski Gems, in: Fake? The Art of Deception, hg. von Mark Jones, London 1990, S. 149–150. Zeitgenössisch wurde die Sammlung noch zu Lebzeiten des Prinzen im Privatdruck publiziert als Catalogue des Pierres Gravées Antiques de S.A. le Prince Stanislas Poniatowski, ohne Jahr und ohne Ort, wohl um 1820 in Rom erschienen, zwei weitere, erläuternde Bände dann in Florenz 1832–1833. Die hier vorliegende Gemme findet sich hier in Bd. 1, S. 14, Nr. 287: „Aurore, et Orion. / GNAIOS gr. / Cornaline oriantale. M. “. Ausführlicher beschrieben wird die Szene anschließend in Bd. 2, S. 36, Nr. 287: „Aurore fille d’Hyperion et de Théa, sœur du Soleil et de la Lune, mère des Vents et de Lucifer, devint amoureuse d’Orion né de Neptune et d’Euryale fille de Minos; elle l’enlèva et le transporta dans l’île de Délos. Sujet rendu par Gnaios. Cornaline orientale. Médaillon.“ Die Sammlung von rund 2600 Intaglien wurde nach dem Tod des Prinzen 1833 im April 1839 bei Christies’s in London versteigert. Sie wurde durch John Tyrell in Glauben an ihren antiken Ursprung erworben, der in der Folge die von ihm für die erstaunliche Summe von 65.000 Pfund erworbenen Exemplare (ein Teil der ursprünglichen Sammlung) erneut publizieren ließ. Ein erster Katalog erschien im Jahr 1841 durch James Prendeville: Explanatory Catalogue of the Proof-Impressions of the Antique Gems Possessed by the Late Prince Poniatowski And Now in the Possession of John Tyrrell, Esq, London, 1841, hier S. 99, Nr. 186. Ein zweites Publikationsprojekt, nun sogar im neuen Medium der Fotografie mit Abgüssen der Gemmen, kam nicht über die ersten zwei Bände heraus, enthält aber bereits in Band 1 auch das hier vorliegende Intaglio: James Prendeville: Photographic Facsimiles of the Antique Gems Formerly Possessed by the Late Prince Poniatowski… 2 Bd.e, London 1857–1859, hier Bd. 1, S. 99, Nr. 186 sowie die anschließenden Tafel. In späteren Jahren wurden die Gemmen dann weiterverkauft und die Sammlung immer weiter verstreut. Durch die frühen Publikationen sowie die ebenfalls bereits früh von den Gemmen erstellen Abgüsse, welche sich heute in zahlreichen Sammlungen wie der Antikensammlung der Staatlichen Museen Berlin und dem Beazley Archive der Universität Oxford befinden (Dort als Nr. T186), lassen sich die Gemmen jedoch immer wieder eindeutig identifizieren und ihr Weg so seit ihrer Entstehung in Rom in den Jahren um 1815 nachverfolgen. Wir haben den Intaglio im britischen Kunsthandel aus einer Privatsammlung erwerben können.

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