Überraschende Volten

Prachtvolles Karneol-Intaglio aus der Sammlung von Stanislas Poniatowski, um 1815

Falsche Verdächtigungen, Rache, Intrigen Schuld und Sühne – die griechischen Sagen sind voller Dramatik und überraschender Wendungen. In der hier vorliegenden, spektakulären Gemme des Klassizismus etwa wohnen wir einem versuchten Mord aus Eifersucht bei, der aus enttäuschter Liebe reihenweise Menschen ins Unglück stürzen wird. Die Geschichte beginnt mit einem Jagdunfall. Peleus tötet aus versehen seinen Schwiegervater und flieht an den Hof des Akastos. Kaum dort angekommen, verliebt sich Königin Astydameia unsterblich in Peleus. Der weist sie zurück, woraufhin sie ihren Gatten glauben macht, er habe sich an ihr vergangen. Akastos nimmt Peleus mit auf die Jagd und raubt ihm die Waffen, lässt ihn allein in der Wildnis zurück und hofft, dass wilde Tiere ihn töten. Pluto kommt indes zur Hilfe und Peleus kann Akastos vertreiben, Astydameia für ihre Lüge ermorden, zerstückeln und schließlich noch die Göttin Thetis heiraten. Ihr Sohn, Achill, wird dann im Trojanischen Krieg das Rad des Wütens weiter drehen. Die große Karneol-Gemme zeigt den über den Anstrengungen der Jagd eingeschlafenen Peleus im Schatten eines Baumes. Akastos hat sich seines Bogens und Köchers bemächtigt und eilt mit wehendem Umhang davon. Noch ist unklar, wie die Geschichte ausgehen wird. Verderben aber wird sie sicher bringen, die Frage ist nur: Für wen? Das Intaglio markiert einen Wendepunkt – und an einem ebensolchen Wendepunkt ist es auch entstanden. Denn es stammt aus dem Besitz des Prinzen Poniatowski, dem Neffen des Königs von Polen. Im Zuge der polnischen Teilungen war Poniatowski (1754–1833), zuvor Großkämmerer von Litauen, ins Exil nach Italien gegangen und widmete sich hier seiner Liebe zur Kunst. Er legte eine umfangreiche Gemmensammlung an, die er unter dem Titel „Catalogue des Pierres Gravées Antiques“ ab 1820 veröffentlichen ließ – in der Absicht also, seine Sammlung als Kollektion antiker Gemmen bekannt zu machen. Nach seinem Tod wurde die etwa 2600 Steine umfassende Sammlung im April 1839 bei Christies in London versteigert – und führte zu einem Skandal, der die Kunstwelt erschütterte. Die zuvor geradezu sagenumwobene Sammlung erstklassiger vermeintlich antiker Gemmen mit zuvor ungesehenen Motiven stellte sich als Ansammlung moderner, für den Fürsten neu geschnittener Steine heraus. Zahlreiche der erstklassig erhaltenen Gemmen waren von den bedeutendsten Bildhauern der Antike signiert – doch anstelle dies als Zeugnis ihres Alters zu verstehen, erwuchs gerade hieran die Kritik: Die Sammlung wurde als zu unwahrscheinlich, als zu gut und zu wunderbar erachtet, als dass sie echt sein konnte. Der Skandal um den vermeintlichen Betrug überschattete die Wahrnehmung der Gemmen. Denn Poniatowski hatte selbst die Künstler engagiert, um die interessantesten, bislang ungesehenen Szenen aus den Metamorphosen, aus Odyssee und Ilias in Stein zu schneiden. Doch sind ihre Werke keine bloßen Imitationen antiker Vorlagen, sondern gehören zu den besten Bildschöpfungen ihrer Zeit überhaupt. Die Forschung der letzten Jahrzehnte hat die hohe Qualität der Intaglien rundherum gewürdigt und so stellen sich die Gemmen des Prinzen heute als ein Höhepunkt der klassizistischen Kunst dar, außergewöhnlich in ihren Bildfindungen und meisterhaft im Schnitt. Nachdem Generationen von Künstlern versucht hatten, so gut wie die Künstler der Antike zu sein, war die Kunst um 1800 in den Augen einiger (z.B. Poniatowskis) der Kunst der Antike endlich ebenbürtig. Die neu entstandenen Gemmen, viele dazu noch mit fiktiven Namen antiker Künstler signiert (auch das hier vorliegendende Intaglio trägt die Signatur des Apollonides), sollten als Antiken gelten können. Doch wandte sich das Blatt zunächst und erst rund 150 Jahre später wurden sie wirklich als eigene Kunstwerke wertgeschätzt. Die große und erstklassig erhaltene Gemme lässt sich in allen Katalogen der Sammlung nachweisen. Die entsprechenden Belege finden Sie unter „Erfahren Sie mehr“. Es handelt sich daher sicher um ein für den Prinzen in den Jahren um 1815 entstandenes Intaglio. Die Fassung aus hochkarätigem Gold ist in den 1870er Jahren dem Steinschnitt hinzugefügt worden. Sie ermöglicht es, den Stein zu drehen und hält auf der Rückseite ein Fach bereit, in welches eine persönliche Erinnerung, eine Locke oder ein Bild eingelegt werden kann: Auf dass das Rad des Schicksals sich hier zumindest eine Auszeit nehme.

Zur Sammlung Poniatowski vgl. Claudia Wagner: Fable and history. Prince Poniatowski’s neo-classical gem collection, in Excalibur. Essays on Antiquity ... in Honour of Arthur MacGregor, hg. von Michael Vickers/Hildegard Weigel, Oxford 2013, S. 145–150, sowie Erika Zwierlein-Diehl: Antike Gemmen und ihr Nachleben, Berlin/New York 2007, S. 302–304, Getrud Platz-Horster: L’antica maniera. Zeichnungen und Gemmen des Giovanni Calandrelli, Kat. Ausst. Antikensammlung SMB, Berlin/Köln 2005, S. 13–21, sowie aus populärerer Perspektive Judy Rudoe: The Poniatowski Gems, in: Fake? The Art of Deception, hg. von Mark Jones, London 1990, S. 149–150. Zeitgenössisch wurde die Sammlung noch zu Lebzeiten des Prinzen im Privatdruck publiziert als Catalogue des Pierres Gravées Antiques de S.A. le Prince Stanislas Poniatowski, ohne Jahr und ohne Ort, wohl um 1820 in Rom erschienen, zwei weitere, erläuternde Bände dann in Florenz 1832–1833. Die hier vorliegende Gemme findet sich in Bd. 1, S. 56, Nr. 256: „Pélée désarmé et adandonné su le mont Pélion par Acaste roi de Thessalie, à l’instigation de sa femme Astidamie irritée contre Pélée qui n’avait pas voulu l’écouter. / Apollonides gr. / Coraline orientale. M.“ Erneut aufgeführt auch in Bd. 2, S. 132, Nr. 256: „Pélée fils d’Eaque et d’Endeïs fille du Centaure Chiron, tua son frère Phocus et par inadvertence son beau-père Actor à la chasse du sanglier de Calydon. Afin d’expier ces meurtres il se rendit à Iolchos chez le roi Acaste. Astidamie femme de ce prince devint amoureuse de Pelée qui fut insensible à ses charmes. Indignée, elle le calomnia auprès de son mari d’avoir tenté de la séduire. Acaste le crut, et sous le prétexte d’une chasse il conduisit Pélée sur le mont Pélion. Pélée fatigué s’endormit. Acaste lui ôta les armes et il le laissa exposé aux bètes féroces. Tel est le sujet de cette pierre, bel ouvrage d’APOLLONIDES. Cornaline orientale. Médaillon.“ Die Sammlung von rund 2601 Intaglien wurde nach dem Tod des Prinzen 1833 im April 1839 bei Christies’s in London versteigert, wobei die hier vorliegende Gemme als Lot 1241 angeboten wurde. Sie wurde durch John Tyrell in Glauben an ihren antiken Ursprung erworben, der in der Folge die von ihm für die erstaunliche Summe von 65.000 Pfund erworbenen Exemplare (ein Teil der ursprünglichen Sammlung) erneut und nun auf Englisch publizieren ließ durch James Prendeville: Explanatory Catalogue of the Proof-Impressions of the Antique Gems Possessed by the Late Prince Poniatowski And Now in the Possession of John Tyrrell, Esq, London, 1841, hier S. 378, Nr. 659. In späteren Jahren wurden die Gemmen dann weiterverkauft und die Sammlung immer weiter verstreut, die hier vorliegende Gemme wird in den Auktionskatalogen von Sotheby’s 1852 und von Christie’s 1854 geführt. Durch die frühen Publikationen sowie die ebenfalls bereits früh von den Gemmen erstellen Abgüsse, welche sich heute in zahlreichen Sammlungen wie der Antikensammlung der Staatlichen Museen Berlin und dem Beazley Archive der Universität Oxford befinden (Dort als Nr. T659), lassen sich die Gemmen immer wieder eindeutig identifizieren und ihr Weg so seit ihrer Entstehung in Rom in den Jahren um 1815 nachverfolgen. Wir haben den Intaglio im britischen Kunsthandel aus einer Privatsammlung erwerben können.

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