Melancholia

Anrührender Trauerring des Klassizismus mit Sepiamalerei in Gold, England, datiert 1783

Ein Grabmal mit großer Urne steht unter den Ästen eines Baumes. In geisterhaftem Grau sitzt vor dem Denkmal eine Frau in langem Kleid. Ihr gramvolles Gesicht auf den rechten Arm gestützt, ist sie tief in Gedanken versunken. Die Form der Haltung ist seit jeher Symbol der in sich selbst versunkenen Trauer und findet sich in ähnlicher Form auch auf Albrecht Dürers berühmtem Kupferstich Melencolia I aus dem Jahr 1514. Eine umlaufende Emaillierung und gravierte Fassung aus rötlichem Gold rahmt die feine Malerei unter Kristall. Unter dem navetteförmigen Ringkopf lesen wir: „Jane / Sheraton / died 25. Apr. / 1783 / aet. 23“, also: „Jane Sheraton starb am 25. April des Jahres 1783 im Alter von 23 Jahren“ Wer Jane Sheraton war, können wir heute, schon mehr als 230 Jahre nach ihrem Tod, nicht mehr sagen – doch muss sie ein liebenswürdiger Mensch gewesen sein. Ihr zu Ehren steht dieses Denkmal der Erinnerung bis heute und gemahnt uns an die verbindenden Werte zwischenmenschlicher Beziehungen. Ringe wie dieser waren in den letzten Dekaden des 18. Jahrhunderts besonders in England weit verbreitet. Sie waren Teil der vielfältigen Trauerrituale, mit denen das Ableben eines geliebten Menschen begangen wurde. Vielmehr als nur als Ausdruck der persönliches Trauer für ein dahingeschiedenes Individuum waren diese Schmuckstücke auch ein Zeichen des Respektes für die Institutionen der Ehe und Familie, auf denen die gesamte Gesellschaft fußte. Die Symbolik der Trauerschmuckstücke zeigt die Formensprache des Klassizismus, welche Gegen Ende des 18. Jahrhunderts die Kunstwelt dominierte. Abgebrochene Säulen, Urnen, Trauerfiguren in klassischer Gewandung, Sarkophage, Trauwerweiden und Zypressen zeigen den Einfluss der Antike. Auch Haar, als besonders persönliches Material, wurde im 18. und 19. Jahrhundert oft verwendet, um Erinnerungsstücke herzustellen. Der hier vorliegende Ring gehört in diese Tradition. Ausgesprochen gut erhalten gibt er einen intimen Einblick in eine vergangene Epoche und berührt uns mit seiner anrührenden Symbolik bis heute. Zum Typus und der Datierung vgl. auch die bei Gisela Zick: Gedenke mein. Freundschafts- und Memorialschmuck 1770-1870, Dortmund 1980, Taf. 3–4 abgebildeten Schmuckstücke.

Brigitte Marquardt bildet in ihrer Publikation zu „Schmuck des Biedermeier“, München 1983, auf S. 208 einige Schmuckstücke der Erinnerungskultur des 19. Jh.s aus menschlichem Haar ab und erklärt deren Bedeutung: Die Verarbeitung von Haar zu Schmuckstücken basiert auf der Bedeutung des Haares als Teil des ganzen Menschen, das durch seine Haltbarkeit gleichsam unsterblich ist. Im Volksglauben ist das Haar der Sitz der Lebenskraft. Schmuckstücke dieser Art waren oftmals Geschenke von heiratenden Töchtern an deren Mütter, denn so konnte im wahrsten Sinne des Wortes ein Teil des Kindes, das das Haus verlässt, bei der liebenden Mutter bleiben und immerwährende Erinnerung sein, auch wenn die Tochter nun ihren eigenen Hausstand gegründet hatte.

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