Eiserne Liebe

Romantisches Armband aus Berliner Eisen, Conrad Geiss, um 1830

Schmuck mit figürlichen Darstellungen ist heute selten geworden. In früheren Epochen aber war es die Regel, dass kunstvolle Schmuckstücke auch eine eigene Geschichte erzählen sollten. Im Mittelalter kämpften Heilige Ritter auf dem Busen der Damen; im Rokoko hielten galante Hirten ihre Schäferstündchen auf dem Ohrschmuck der Salonnièren. Und bis weit in das 20. Jahrhundert hinein entstanden Stücke, welche nicht nur durch Material und Glanz erfreuen, sondern auch durch ihre Darstellungen unterhalten sollten. Das hier vorliegende Armband, ein Schmuckstück der Romantik, präsentiert vor spiegelndem Grund Amor, den Liebesboten, im Spiel mit einem Schmetterling. Das flatternde Insekt steht hier für die antike Königstochter Psyche, die durch ihre große Schönheit den Neid der Venus entfacht hatte. Als sich dann auch noch ihr Sohn, Amor, der Liebesbote, in die Sterbliche verliebte, übertrug Venus der Unglücklichen mehrere gefährliche Aufgaben. Doch entgegen aller Erwartungen meisterte Psyche die Prüfungen mit der Hilfe ihres Geliebten, der sich über die Befehle seiner Mutter hinwegsetzte. Schließlich hatte der oberste Gott Jupiter Mitleid mit dem Paar. Er ließ Psyche einen Becher mit Ambrosia reichen und macht sie dadurch unsterblich, so dass sie in den Olymp aufgenommen wurde. Das kleine Relief erzählt also eine große Geschichte, eine Geschichte einer Liebe gegen alle Hindernisse. Und aus einer ebensolchen Liebe ist auch das Armband selbst entstanden. Es besteht aus Eisen, vor allem als „Berliner Eisen“ bekannt, ist ein Schmuck des Verzichts und der Mäßigung, der im Angesicht des Krieges gegen Napoleon aus der Vaterlandsliebe der Preußen entstand (Mehr dazu unter „Erfahren Sie mehr...“). Doch wie es mit so vielen guten Vorsätzen ist: Schnell verkehren sie sich ins Gegenteil. Denn so wenig wertvoll das Material auch war und ist, die Kunstfertigkeit der Entwürfe und Ausführung lassen die von den Zeitgenossen europaweit gepriesenen Stücke nicht weniger wertvoll als die schönsten Juwelen erscheinen. Zudem war die Formgebung der Colliers, Broschen und Armbänder durch den Bruch mit der Tradition viel freier als jemals zuvor: Und so haben wir hier, im Medium des Eisens, einen unverstellten, direkten Blick auf die modischen Vorlieben der Zeit von 1813 bis in die 1830er Jahre vor uns. Das hier vorliegende Armband des post-napoleonischen Zeitalters ist ein typisches Schmuckstück aus der Berliner Eisengießerei unter Conrad Geiss, der zahlreiche Entwürfe des Klassizismus und der Neugotik zur Ausführung kommen ließ. Hier nun ist der ganze Formenschatz der Neugotik vorgestellt, welche durch Karl Friedrich Schinkel in Berlin zum Leben erweckt worden war. In der Literatur zum Berliner Eisenschmuck lassen sich Vergleiche für die Ornamentik des Armbandes finden. Das in der letzten Abbildung gezeigte Armband aus der Gießerei von Geiss ist aus beinahe identischen Elementen gebildet. Es lässt uns auch das hier vorliegene Band Geiss zuschreiben. Die Abb. nach Elisabeth Schmuttermeier: Cast Iron from Central Europe, 1800-1850, The Bard Center for Studies in the Decorative Arts, New York 1994, Katalog, S. 294.

Zur Zeit der Napoleonischen Kriege Anfang des 19. Jahrhunderts initiierte die preussische Prinzessin Marianne eine Aktion, die unter der Parole „Gold gab ich für Eisen“ zur Verteidigung des von Frankreich bedrohten Heimatlandes beitragen sollte: In einem großen Prozessionszug auf der Prachtstraße Unter den Linden in Berlin brachten die Damen der Gesellschaft 1813 ihren Goldschmuck dem König als Geschenk dar. Mit dem so gesammelten Gold sollte der Kampf gegen Napoleon und seine Truppen finanziert werden; im Gegenzug erhielten die Spenderinnen im Tausch gegen ihre goldenen Preziosen Schmuckstücke aus gegossenem Eisen, die sie fortan mit Stolz trugen. Dieser neue Bedarf an Eisenschmuck, der zuvor nur als Trauerschmuck verwendet worden war, zog die Gründung der Berliner Eisengießerei nach sich. Der Goldschmied Conrad Geiss ließ hier zahlreiche Entwürfe des Klassizismus zur Ausführung kommen. Der Berliner Eisenschmuck, das „Fer de Berlin“, mit seinen klaren Konturen und seiner zurückhaltenden, dunklen Farbe entsprach dabei dem Geist des Klassizismus. Mit ihm wurde dem aufwendigen Diamantpomp des 18. Jahrhunderts eine Alternative entgegengesetzt, die bürgerliche Tugenden wie Bescheidenheit, Zurückhaltung und Bildung Ausdruck gab. Doch nicht nur in Berlin wurden in diesen Jahren Schmuckstücke aus Eisen hergestellt, auch in Schlesien, in der neutralen Schweiz, in Wien und später selbst in Frankreich wurden Schmuckstücke aus diesem Werkstoff gefertigt: Das geschwärzte Eisen war Mode und salonfähig geworden. Vgl. Elisabeth Schmuttermeier: Schmuck aus Eisen, in: Berliner Eisen. Die königliche Eisengießerei Berlin. Zur Geschichte eines preussischen Unternehmens, hrsg. v. Charlotte Schreiter / Albrecht Pyritz, Berlin 2007, S. 227–240, sowie die entsprechenden Kapitel bei Brigitte Marquardt: Schmuck. Klassizismus und Biedermeier 1780-1850. Deutschland, Österreich, Schweiz, München 1983, S. 269–311.

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