Knusper, Knusper, Knäuschen

Schauriges Intaglio mit Tydeus und dem Haupt des Melanippos aus der Sammlung Poniatowski, um 1815

Im Krieg und in der Liebe sei alles erlaubt, heißt es. Dass es indes schon bei den alten Griechen Grenzen gab selbst im Kriege, daran erinnert das hier vorliegende, schaurig-schöne Intaglio in Karneol. Denn es zeigt eine Szene aus dem Krieg um Theben, die uns schaudernd zurücklässt, und zugleich glücklich, in doch ganz anderen Zeiten zu leben. In Aischylos´ „Sieben gegen Theben“ schildert der antike Autor die Schlacht der Brüder Eteokles und Polyneikes um die Macht in Theben. Einer der Feldherrn auf der Seite gegen Theben ist Tydeus, selbst Sohn eines Königs und äußerst erfolgreich im Kampfe (tatsächlich hatte er schon zuvor einen Mord begangen, als Ausweis seiner Tatkraft). Zahlreiche Thebaner stellen sich ihm erfolglos zum Zweikampf, doch selbst mit einer Übermacht von 50 Männern wird er fertig. Erst Melanippos, mit der Verteidigung eines der Stadttore beauftragt, kann Tydeus stellen und ihn tödlich verwunden. Doch zu früh gefreut! Ein treuer Freund des Tydeus hackt Melanippos den Kopf ab, bringt diesen zu seinem Gefährten und Tydeus beginnt in Rage Melanippos Gesicht zu zerbeißen und schlürft ihm schließlich das Hirn aus dem Schädel. Gerade dieser Moment ist nun fein geschnitten und elegant als Intaglio dargestellt. Tydeus, mit einem Pfeil in der Flanke, liegt im Schatten eines Baumes. Den Kopf seines Feindes hält er auf der Schulter und nagt ihm am Ohr. Voller Schrecken wendet sich einer der Mitstreiter von der Szene ab. Für Tydeus übrigens hat diese späte Rache einen ärgerlichen Nebeneffekt. Athene, die ihn eigentlich mittels eines Zaubertranks in die Unsterblichkeit retten wollte, sieht diesen Totenfrevel, bekommt starke Zweifel an der Tugendhaftigkeit des Helden und lässt Thydeus schließlich sterben. Das detailreiche Intaglio, das diese Szene so dramatisch zeigt, ist ein besonderes Stück Kunstgeschichte, denn es stammt aus der legendären Sammlung des Prinzen Poniatowski, dem Neffen des Königs von Polen. Im Zuge der polnischen Teilungen war Poniatowski (1754–1833) ins Exil nach Italien gegangen und widmete sich hier seiner Liebe zur Kunst. Er legte eine nie zuvor gesehene Gemmensammlung an, die er ab 1820 unter dem Titel „Catalogue des Pierres Gravées Antiques“ veröffentlichen ließ – in der Absicht also, seine Sammlung als Kollektion antiker Gemmen bekannt zu machen. Gipsabgüsse der schönsten Motive gelangten u.a. in die königlichen Sammlungen in Berlin. Nach seinem Tod wurde die etwa 2600 Steine umfassende Sammlung im April 1839 bei Christies in London versteigert – und führte zu einem Skandal, der die Kunstwelt erschütterte. Die zuvor geradezu sagenumwobene Sammlung erstklassiger, vermeintlich antiker Gemmen mit zuvor ungesehenen Motiven stellte sich als Ansammlung moderner, für den Fürsten neu geschnittener Steine heraus. Zahlreiche der erstklassig erhaltenen Gemmen waren von den bedeutendsten Bildhauern der Antike signiert – doch anstelle dies als Zeugnis ihres Alters zu verstehen, erwuchs gerade hieran die Kritik: Die Sammlung wurde als zu unwahrscheinlich, als zu gut und zu wunderbar erachtet, als dass sie echt sein konnte. Der Skandal um den vermeintlichen Betrug überschattete die Wahrnehmung der Gemmen für Generationen. Denn der Prinz hatte selbst die Künstler engagiert, um die interessantesten, bislang ungesehenen Szenen aus den Metamorphosen, aus Odyssee und Ilias in Stein zu schneiden. Doch sind ihre Werke keine bloßen Imitationen antiker Vorlagen, sondern gehören zu den besten Bildschöpfungen ihrer Zeit überhaupt. Die Forschung der letzten Jahrzehnte hat die hohe Qualität der Intaglien gewürdigt und so stellen sich die Gemmen heute als ein Höhepunkt der klassizistischen Kunst dar, außergewöhnlich in ihren Bildfindungen und meisterhaft im Schnitt. Die große und erstklassig geschnittene Gemme lässt sich in den Katalogen der Sammlung seit 1820 durchgängig nachweisen. Die entsprechenden Belege finden Sie unter „Erfahren Sie mehr“. Die Präsentationsfassung der Gemme in Gold ist dem Karneol später hinzugefügt worden. So lässt sich der Stein mit Grazie betrachten – und der Schauder über das Dargestellte mit Freunden teilen.

Zur Sammlung Poniatowski vgl. Claudia Wagner: Fable and history. Prince Poniatowski’s neo-classical Gem Collection, in: Excalibur. Essays on Antiquity ... in Honour of Arthur MacGregor, hg. von Michael Vickers/Hildegard Weigel, Oxford 2013, S. 145–150, sowie Erika Zwierlein-Diehl: Antike Gemmen und ihr Nachleben, Berlin/New York 2007, S. 302–304, Getrud Platz-Horster: L’antica maniera. Zeichnungen und Gemmen des Giovanni Calandrelli, Kat. Ausst. Antikensammlung SMB, Berlin/Köln 2005, S. 13–21, sowie aus populärerer Perspektive Judy Rudoe: The Poniatowski Gems, in: Fake? The Art of Deception, hg. von Mark Jones, London 1990, S. 149–150. Zeitgenössisch wurde die Sammlung noch zu Lebzeiten des Prinzen im Privatdruck publiziert als Catalogue des Pierres Gravées Antiques de S.A. le Prince Stanislas Poniatowski, ohne Jahr und ohne Ort, wohl um 1820 in Rom erschienen, zwei weitere, erläuternde Bände dann in Florenz 1832–1833. Die hier vorliegende Gemme findet sich hier in Bd. 1, S. 60, Nr. 317: „Tydée, un des sept héros au siège de Thèbes, ronge la tête du Thébain Mélanippe qui l’avait blessé à mort. / Apollonides gr. / Cornaline. M.“ Ausführlicher beschrieben wird die Szene anschließend in Bd. 2, S. 140, Nr. 317: „Dans la guerre entre Etéocle et Polynice pour la succession à la couronne de Thèbes, Ménalippe, après avoir blessé mortellement Tydée, fut tué et la tête lui fut coupée. Tydée, quoique mourant, se fit apporter la tête de son ennemi et il assouvit sa vengeance en la déchirant avec les dents. Tel est le sujet bien composé par Apollonides. Cornaline. Médaillon.“ Die Sammlung von rund 2600 Intaglien wurde nach dem Tod des Prinzen 1833 im April 1839 bei Christies’s in London versteigert. Sie wurde durch John Tyrell in Glauben an ihren antiken Ursprung erworben, der in der Folge die von ihm für die erstaunliche Summe von 65.000 Pfund erworbenen Exemplare (ein Teil der ursprünglichen Sammlung) erneut publizieren ließ. Ein erster Katalog erschien im Jahr 1841 durch James Prendeville: Explanatory Catalogue of the Proof-Impressions of the Antique Gems Possessed by the Late Prince Poniatowski And Now in the Possession of John Tyrrell, Esq, London, 1841, hier S. 404–407, Nr. 712. In späteren Jahren wurden die Gemmen dann weiterverkauft und die Sammlung immer weiter verstreut. Durch die frühen Publikationen sowie die ebenfalls bereits früh von den Gemmen erstellen Abgüsse, welche sich heute in zahlreichen Sammlungen wie der Antikensammlung der Staatlichen Museen Berlin und dem Beazley Archive der Universität Oxford befinden (Dort als Nr. T712), lassen sich die Gemmen jedoch immer wieder eindeutig identifizieren und ihr Weg so seit ihrer Entstehung in Rom in den Jahren um 1815 nachverfolgen. Wir haben den Intaglio im britischen Kunsthandel aus einer Privatsammlung erwerben können.

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