Zeit der Schönheit

Seltene Bergkristall-Gemme in einer Fassung aus Platin & Diamanten, England um 1910

Die Belle Époque war eine Ära, die sich ganz dem Zelebrieren der Schönheit verschrieben hatte. Getragen vom aufstrebenden Bürgertum, das in der langwährenden Friedenszeit zu Wohlstand gekommen war, erlebten Ateliers und Konzertsäle, Kaufhäuser und Salons einen Aufschwung. Auch an der Schmuckmode ist die Lebensfreude jener Zeit abzulesen: Immer feiner und weißer wurden die Schmuckstücke, immer kostbarer – bis dann mit einem Mal der erste Weltkrieg die „schöne Epoche” jäh beendete. Ein solches Weißjuwel aus der späten Blüte der Belle Époque liegt uns auch hier vor. Neben Platin und Diamanten zeigt es uns noch ein drittes, im Schmuck jener Zeit selteneres Material: Einen Bergkristall. Von hinten ist in diesen in der Art eines Intaglio ein Bild geschnitten worden. Das Motiv, welches schon von Künstlern wie Tizian, Rubens und Boucher interpretiert wurde, ist als „Toilette der Venus” bekannt und zeigt die Liebesgöttin, die sich in einem ihr von Amor gehaltenen Spiegel bewundert. Auch in der Wahl jenes Motivs offenbart sich ganz der Zeitgeist jener Epoche. Die Kostbarkeit der Fassung verleiht dabei der Qualität der Gemme besonderen Nachdruck, denn sie ist ganz aus Platin gearbeitet. Massive Platin-Schmuckstücke kamen in größerem Maße eigentlich erst in den 1930er Jahren auf, als der Preis sich in etwa dem Goldpreis angeglichen hatte: Zuvor war das Edelmetall um ein Vielfaches teurer und seine massive Verwendung zeichnete nur besonders edle Entwürfe aus. Insgesamt 69 Diamanten besetzen die mit feinen Millegriffes strukturierten, von einer Schleife ausgehenden Ranken. Erworben wurde das Juwel von uns in England, wo es möglicherweise auch entstand: Denn nicht nur entspricht es dem von floralen Festons geprägten Garland Style jener Jahre, sondern es gab dort Künstler, die meisterhaft Intaglios in die Rückseite eines Bergkristalls schneiden konnten. In ihrer bemalten Form nannte man diese kleinen Kunstwerke „Essex Crystal” – doch beweist der vorliegende Kristall, dass gerade die Nicht-Farbe Weiß als Gemme zu höchster Wirkkraft gelangen kann.

Mit der Erfindung des Gaslichtes und dann des elektrischen Lichtes zum Ende des 19. Jahrhunderts erfüllte mit einem Mal gleißende Helligkeit die Ballsäle Europas. Kein dunkles, gelbes Kerzenlicht mehr, sondern das weiße Leuchten hunderter Lampen ließ den Schmuck der Damen glänzen und glitzern wie nie zuvor. Kein Wunder, dass in der Folge dieser Entwicklungen auch eine neue Mode entstand: Weißjuwelen aus Diamanten und Silber antworteten auf die neuen Lichtverhältnisse und lösten die bisherigen farbigeren Entwürfe ab. Überhaupt wurde der Schmuck zunehmend reicher mit funkelnden Edelsteinen ausgefasst, um ein immer luxuriöseres und reicheres Erscheinungsbild zu schaffen. Auf den großen Bällen in Paris, London und St. Petersburg wurden immer prachtvollere Diamantcolliers präsentiert, zudem Tiaren, Broschen und Ringe, allesamt Träume in weißen Diamanten. Der Name der Epoche, die Belle Époque, zeigt noch heute das Ziel dieser Zeit an: In Schönheit zu glänzen. Doch auch in den folgenden Dekaden blieb die Mode weißen Schmucks aktuell, bis hin zum Art Déco der 1920er Jahre. Allein die Materialien der Fassungen wandelten sich. Das schnell anlaufende Silber wurde zunächst durch Platinauflagen ersetzt und später durch Schmuck ganz aus Platin bzw. dem kurz vor dem Weltkrieg entwickelten Weißgold.

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