Die Freiheit der Kunst

Großes Intaglio in Sardonyx aus der Sammlung von Stanislas Poniatowski, um 1815

Als nach zwanzig Jahren Krieg und Irrfahrt, Odysseus endlich zu Frau, Heim, Kind und Hund zurückkehren kann, findet er sein Haus voller Fremder vor. Niemand erkennt ihn, den König von Ithaka, und Penelope, seine Gattin wird von Freiern bedrängt. Dank der Unterstützung der Athene kann er die Nebenbuhler jedoch schnell im Kampf besiegen. Er erschießt sie alle mit Pfeilen, die untreuen Hausangestellten gleich mit, und stellt den Hausfrieden so wieder her. In Homers Odyssee wird nicht lang gefackelt, wenn es darum geht, Konflikte zu lösen; nur hin und wieder wird ein Leben verschont. Eine dieser Szenen, in denen Gerechtigkeit und Gnade waltet, finden wir auf dem hier vorliegenden Intaglio dargestellt. Odysseus, rechts mit Pfeilen, Bogen und Schwert, droht den vor ihm knieenden Phémios zu erschlagen. Von links eilt Telemachos herbei, der Sohn des Odysseus, und bittet um das Leben des Sängers: Er habe im Haus des Odysseus nur auf Zwang hin seine Harfe gespielt und sei daher unschuldig. Homer beschreibt im 22. Gesang diesen Akt der Gnade ausführlich. „Und er setzte zur Erden die schöngewölbete Harfe, ... umschlang Odysseus die Kniee, Jammerte laut um Erbarmen und sprach … erbarme dich meiner, Odysseus! Töte mich nicht! Du würdest hinfort es selber bereuen, Wenn du den Sänger erschlügst, der Göttern und Menschen gesungen!“ Das große Intaglio, das diese Szene so textgetreu zeigt, ist ein besonderes Stück Kunstgeschichte, denn es stammt aus der legändären Sammlung des Prinzen Poniatowski, dem Neffen des Königs von Polen. Im Zuge der polnischen Teilungen war Poniatowski (1754–1833) ins Exil nach Italien gegangen und widmete sich hier seiner Liebe zur Kunst. Er legte eine nie zuvor gesehene Gemmensammlung an, die er ab 1820 unter dem Titel „Catalogue des Pierres Gravées Antiques“ veröffentlichen ließ – in der Absicht also, seine Sammlung als Kollektion antiker Gemmen bekannt zu machen. Gipsabgüsse der schönsten Motive gelangten u.a. in die königlichen Sammlungen in Berlin. Nach seinem Tod wurde die etwa 2600 Steine umfassende Sammlung im April 1839 bei Christies in London versteigert – und führte zu einem Skandal, der die Kunstwelt erschütterte. Die zuvor geradezu sagenumwobene Sammlung erstklassiger vermeintlich antiker Gemmen mit zuvor ungesehenen Motiven stellte sich als Ansammlung moderner, für den Fürsten neu geschnittener Steine heraus. Zahlreiche der erstklassig erhaltenen Gemmen waren von den bedeutendsten Bildhauern der Antike signiert – doch anstelle dies als Zeugnis ihres Alters zu verstehen, erwuchs gerade hieran die Kritik: Die Sammlung wurde als zu unwahrscheinlich, als zu gut und zu wunderbar erachtet, als dass sie echt sein konnte. Der Skandal um den vermeintlichen Betrug überschattete die Wahrnehmung der Gemmen für Generationen. Denn der Prinz hatte selbst die Künstler engagiert, um die interessantesten, bislang ungesehenen Szenen aus den Metamorphosen, aus Odyssee und Ilias in Stein zu schneiden. Doch sind ihre Werke keine bloßen Imitationen antiker Vorlagen, sondern gehören zu den besten Bildschöpfungen ihrer Zeit überhaupt. Die Forschung der letzten Jahrzehnte hat die hohe Qualität der Intaglien gewürdigt und so stellen sich die Gemmen heute als ein Höhepunkt der klassizistischen Kunst dar, außergewöhnlich in ihren Bildfindungen und meisterhaft im Schnitt. Wer die Gemme mit der Verschonung des Phémios in den Jahren kurz nach 1800 für den polnischen Prinzen fertigte, ist heute vergessen. Signiert ist der Stein mit dem antiken Künstlernamen Apollonides. Ob es den unbekannt gebliebenen Künstler schmerzte, an diesem Kunstbetrug mitzuwirken – oder empfand er Trost aus der Szene des Intaglios, die er über so viele Tage in meisterhaftem Schnitt und Detail dem harten Stein abtrotzte? Denn hatte nicht Homer schon die Unschuld des Künstlers besungen und seine Freiheit gefordert, selbst inmitten von Verbrechen und Schande? Die große und erstklassig geschnittene Gemme lässt sich in den Katalogen der Sammlung seit 1820 durchgängig nachweisen. Die entsprechenden Belege finden Sie unter „Erfahren Sie mehr“. Die Fassung der Gemme in Gold ist wohl in den 1850er Jahren dem Sardonyx hinzugefügt worden.

Zur Sammlung Poniatowski vgl. Claudia Wagner: Fable and history. Prince Poniatowski’s neo-classical gem collection, in Excalibur. Essays on Antiquity ... in Honour of Arthur MacGregor, hg. von Michael Vickers/Hildegard Weigel, Oxford 2013, S. 145–150, sowie Erika Zwierlein-Diehl: Antike Gemmen und ihr Nachleben, Berlin/New York 2007, S. 302–304, Getrud Platz-Horster: L’antica maniera. Zeichnungen und Gemmen des Giovanni Calandrelli, Kat. Ausst. Antikensammlung SMB, Berlin/Köln 2005, S. 13–21, sowie aus populärerer Perspektive Judy Rudoe: The Poniatowski Gems, in: Fake? The Art of Deception, hg. von Mark Jones, London 1990, S. 149–150. Zeitgenössisch wurde die Sammlung noch zu Lebzeiten des Prinzen im Privatdruck publiziert als Catalogue des Pierres Gravées Antiques de S.A. le Prince Stanislas Poniatowski, ohne Jahr und ohne Ort, wohl um 1820 in Rom erschienen, zwei weitere, erläuternde Bände dann in Florenz 1832–1833. Die hier vorliegende Gemme findet sich hier in Bd. 1, S. 93, Nr. 99: „Ulysse d’après les remontrances de Télemaque fait grace au chantre Phémius. / APOLLONIDES gr. / Sardoine orientale. M.“. Ausführlicher beschrieben wird die Szene anschließend in Bd. 2, S. 227, Nr. 99: „Le chantre Phémius qui malgré lui chantait, s’accompagnant de la lyre, dans les fréquens festins que donnaient les poursuivans, se trouvait dans la salle lorsqu’Ulysse commença à les percer de ses flèches. Il se jetta aux genoux du fils de Laërte et lui demanda la via; Ulysse allait le frapper; Télémaque survint, assura son père que Phémius était innocent, et qu’il n’avait chanté que contraint par les poursuivans. Ulysse alors fit grace à Phemius (Odyssée liv. XXII). Ouvrage vraiment académique, du plus beau fini et correction, d’APOLLONIDES. Sardoine orientale fort belle. Médaillon.“ Die Sammlung von rund 2600 Intaglien wurde nach dem Tod des Prinzen 1833 im April 1839 bei Christies’s in London versteigert. Sie wurde durch John Tyrell in Glauben an ihren antiken Ursprung erworben, der in der Folge die von ihm für die erstaunliche Summe von 65.000 Pfund erworbenen Exemplare (ein Teil der ursprünglichen Sammlung) erneut publizieren ließ. Ein erster Katalog erschien im Jahr 1841 durch James Prendeville: Explanatory Catalogue of the Proof-Impressions of the Antique Gems Possessed by the Late Prince Poniatowski And Now in the Possession of John Tyrrell, Esq, London, 1841, hier S. 678f, Nr. 1067, mit der entspr. Stelle aus dem 22. Buch der Odyssee. Ein zweites Publikationsprojekt, nun sogar im neuen Medium der Fotografie mit Abgüssen der Gemmen, kam nicht über die ersten zwei Bände heraus und enthält die hier vorliegende Gemme nicht (James Prendeville: Photographic Facsimiles of the Antique Gems Formerly Possessed by the Late Prince Poniatowski… 2 Bd.e, London 1857–1859). In späteren Jahren wurden die Gemmen dann weiterverkauft und die Sammlung immer weiter verstreut. Durch die frühen Publikationen sowie die ebenfalls bereits früh von den Gemmen erstellen Abgüsse, welche sich heute in zahlreichen Sammlungen wie der Antikensammlung der Staatlichen Museen Berlin und dem Beazley Archive der Universität Oxford befinden (Dort als Nr. T1067), lassen sich die Gemmen jedoch immer wieder eindeutig identifizieren und ihr Weg so seit ihrer Entstehung in Rom in den Jahren um 1815 nachverfolgen. Wir haben den Intaglio im britischen Kunsthandel aus einer Privatsammlung erwerben können.

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Bei unseren Bewertungen des antiken Schmucks können Sie sich auf unsere jahrelange Erfahrung im Handel sowie unsere Expertise als studierte Kunsthistoriker verlassen. Als Mitglied in verschiedenen Händlerorganisationen sowie der britischen Society of Jewellery Historians haben wir uns hier zu größter Exaktheit verpflichtet. In unseren Beschreibungen weisen wir stets auch auf etwaige Altersspuren und Defekte hin, die wir auch in unseren Fotos nicht verbergen - damit Sie, wenn unser Paket zu Ihnen kommt, keine unangenehmen Überraschungen erleben müssen.

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