Schmuckgeschichten

Zarter Ring mit Diamanten in Gold & Platin, um 1910 und später

Mit seinem länglichen Ringkopf und zarten Durchbrechungen lag der vorliegende Ring in den Jahren um 1910 auf der Höhe der Mode. Die Verwendung von Platin auf Gold ermöglichte die Umsetzung ätherischer Designs in reinem Weiß: Ist doch das Platin härter als Gold, und hält so selbst feinste Stege und Ornamente. Keine Abendgarderobe war im frühen 20. Jahrhundert ohne den weißen Glanz von Platin und Diamanten komplett. Gleichzeitig aber erzählt der Ring nicht nur von seiner modischen Vorbesitzerin, sondern auch von ihren Vorfahren: Die fünf großen Diamanten von zusammen etwa 1,03 ct, die hier kreuzförmig angeordnet sind, sind allesamt deutlich früher geschliffen worden als der Ring entstand. Sie zeigen sich im sog. „Old Mine Cut“ und im Peruzzi-Schliff und wurden bereits in der Zeit um 1800 und früher geschliffen. Große Diamanten aus alten Erbstücken auszufassen und mit ihnen neue Juwelen zu schaffen, war einst gang und gäbe: Vermutlich wurde der Ring sogar in dem Bestreben entworfen, den fünf kissenförmigen Altschliffen einen passenden Rahmen zu geben. Auch in späteren Jahren muss der Ring sehr geliebt worden sein, denn unter der Lupe zeigt sich, dass seine Schiene einmal gänzlich erneuert wurde. So blieb das Schmuckstück auch für spätere Generationen tragbar und ist es noch heute. In ihm vereinen sich über 200 Jahre Geschichte – welche Kapitel wird seine nächste Besitzerin ihnen hinzufügen?

In der Antike wurden Diamanten vor allem für ihre unvergleichliche Härte geschätzt. Als Symbole unbesiegbarer Stärke war ihre Schönheit bestenfalls zweitrangig. Tatsächlich erscheinen die frühen Diamanten dem modernen Auge überhaupt nicht attraktiv. Mittelalterliche Schlifftechniken erlaubten ebenfalls keine spektakulären Lichtreflexe und die verbreiteten Tafelschliffe brachten nur Helligkeit und Farbe der Steine zur Geltung. All das änderte sich im Verlauf des 17. Jahrhunderts. Der Adel des Barock entwickelte eine Vorliebe für glitzernde Edelsteine. Besonders populär waren Diamanten im Rosenschliff, deren vielfältige Facetten das Kerzenlicht wunderbar reflektieren. In der Mitte des Jahrhunderts entwickelte sich ein erster, früher Brillantschliff, der nach dem einflussreichen Kardinal Jules Mazarin als Mazarinschliff bezeichnet wird und sich durch eine Krone mit 17 Facetten auszeichnet. Bereits gegen Ende des Jahrhunderts wurden diese Diamanten dann durch eine neue Form abgelöst, der nach seinem Erfinder als Peruzzi-Schliff benannt ist. Vincenzo Peruzzi war ein Edelsteinschleifer aus Venedig, der die Krone der Diamanten um zusätzliche Facetten auf insgesamt 33 erhöhte und so das Feuer der Steine enorm steigerte. Diese frühen Brillanten waren jedoch, was Anzahl und Form der Facetten angeht, nicht standardisiert. Jeder Stein wurde so geschliffen, dass möglichst viel Substanz erhalten bleiben konnte. Neue Diamantvorkommen in Brasilien führten in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts dann zu einer Schliffform, die als Old Mine Cut bekannt wurde. Diese Diamanten ähneln bereits sehr unseren heutigen Vollschliff Brillanten, doch sollten noch einige Generationen stetiger Entwicklung der Schlifftechnik nötig sein, bis aus dem Old Mine Cut zunächst der Altschliff (oder Old European Cut), und schließlich in den 1940er Jahren der moderne Vollschliff wurde.

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