Victorian

Victorian

Very British

Die lange Herrschaft Queen Victorias von 1837 bis 1901 prägte in Großbritannien eine ganze Epoche. In der „Victorian Era“ blühten Industrie und Handel ebenso wie Literatur und Künste. Edelsteine in nicht enden wollender Fülle ergossen sich aus den Kolonien auf die Insel – und zusammen mit Optimismus und Selbstsicherheit entstand ein ganz eigener Stil auch des Schmucks: Einfallsreich, heiter und typisch britisch.

Neben der stets sehr hochwertigen Verarbeitung auch von Manufakturwaren zeichnet Schmuck aus Großbritannien seine oft romantische, meist dekorativ ornamentierte Formgebung aus. Um die Mitte des Jahrhunderts dominierten neben naturalistischen Tendenzen die auch im übrigen Europa nachgefragten, historisierenden Entwürfe. Besonders der sog. Holbein-Schmuck im Stil der Renaissance wurde in England modern: Diese großen, emaillierten Stücke waren dem Schmuck auf den Portraits Hans Holbeins d. J. nachgebildet. Auf unserer Abbildung eines Portraits der Königin aus dem Jahr 1840 trägt Victoria solchen historisierenden Schmuck auf der Brust und auf der Stirn, als sog. Ferronnière. Von einem Gemälde Leonardo da Vincis abgeschaut, dem Portrait der Belle Ferronnière im Louvre, war diese Form des Kopfschmuckes bis etwa 1845 ungemein populär.

In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts gewinnen die Entwürfe der britischen Goldschmiede dann weiter an Eigenständigkeit. Gravuren schmücken Medaillons und Armbänder, oft in Herzform. Eine große Vorliebe besteht für Emaille; zahlreiche Colliers, Broschen und Ringe in Blüten- und Blattformen sind in strahlender Farbigkeit hiermit überzogen. Auch werden gerne die in den eigenen Kolonien geförderten Steine verwendet, wie der Türkis kurz vor der Jahrhundertmitte, und später die zahlreichen bunten Farbsteine Indiens. Zuletzt bleibt sattes Gelbgold in England länger als auf dem europäischen Festland in Gebrauch.

Besonders beliebt sind zur Jahrhundertwende Entwürfe in Jugendstilformen. Dieser Stil wird in Großbritannien nach dem Namen eines Londoner Kaufhauses „Liberty“ genannt. Die entsprechenden Schmuckentwürfe präsentieren delikate Edelsteine und Perlen in strahlendem Gelbgold und werden noch lange nach 1900 gefertigt.

Eine ebenso ausschließlich in Großbritannien auftretende Mode sind zuletzt die Entwürfe der „Novelty Jewellery“. Um 1880 entstanden unter diesem Schlagwort meist Broschen, welche überraschen und erheitern sollten. Kleine Insekten, Fliegen, Bienen und Schmetterlinge setzten sich auf die Revers der Damen. Tollende Katzen und Hunde, Schwalben, Automobile, Golfschläger und sogar elektrisch beleuchtbare Skelette wurden als Schmuckstücke gefertigt und fanden ihre Abnehmer in London, Brighton und überall sonst auf der Insel.

John Partridge: Queen Victoria (1840), Royal Collection, London, Detail.