Ferragosto

Antikes Collier aus drei Reihen Mittelmeerkorallen, Italien um 1900

Der 15. August ist einer der wichtigsten Feiertage in Italien. Als Ferragosto (von lat. „feriae augusti“, Festtag des Augustus) bekannt, markiert der Tag die heißeste Periode des Sommers um den herum praktisch alle Italiener in den Urlaub fahren und zwar dorthin, wo es kühl ist: Ans Meer oder in die Bergen. Nahezu das gesamte wirtschaftliche Leben kommt zum Erliegen, stattdessen wird überall gefeiert und der Abend vielerorts mit einem Feuerwerk um Mitternacht abgeschlossen. Das hier vorliegende Collier entführt uns in einen solchen August vor etwa 120 Jahren. Über der Bucht von Neapel steht die Sonne bereits tief am Horizont. Eine leichte Brise weht vom Meer, die Zitronen blühen und im Schatten der aufgespannten Segeltücher blicken die müden Reisenden aus dem Norden weit über das glatte Wasser hinaus. Wie fern ist doch die regennasse Heimat mit ihren Verpflichtungen, der Arbeit und den Mühen – wie schön und sorgenfrei das Leben hier! Das Collier reiht drei Stränge mit Korallen im Verlauf. Die Perlen sind dabei von Hand geschliffen und nie ganz rund, sondern stets etwas abgeflacht zu den Seiten. Dies belegt nicht nur ihr Entstehen in den Jahren der Jahrhundertwende, sondern garantiert zugleich das weiche Fließen des Colliers am Dekolleté. Die Kette hat eine Tragelänge von 45,5 cm und ist schön sortiert. Ein originale Schließe mit zwei Korallenbuttons hält die Kette sicher und macht sie leicht anzulegen.

Im August jeden Jahres feierte die Baronin von Üchtlitz auf Schlochtin ihren Geburtstag mit einem Sommerfest. Neben dem Schloss, auf der großen Wiese, stand ein Lindenwäldchen, „dort sollte der Tee genommen werden. Die Wiese und das Wäldchen waren voll Menschen, voll bunter Kleider, bunter Bänder, bunter Hüte, und in Grün des Gehölzes, in dem Gold der Nachmittagssonne nahmen all die Farben einen Edelsteinglanz an.“ Die beiden jungen Prinzessinnen von Neustatt-Birkenstein fuhren mit dem Landauer vor. Sie trugen blaue Sommerkleider, Korallenschnüre um den Hals. In seinem letzten großen Roman, den „Fürstinnen“ aus dem Jahr 1917, ließ Eduard von Keyserling noch einmal die ganze Pracht und den Glanz des Adels im alten Reich auferstehen, doch scheint mit jedem Sonnenstrahl bereits das Ende der vertrauten Ordnung durch. Ganz selbstverständlich ist es hier, beim Sommerfest der Baronin, Korallenketten zu tragen. Denn diese Juwelen des Meeres waren zur Zeit der Jahrhundertwende ein ausgesprochener Sommerschmuck. Vgl. Eduard von Keyserling: Fürstinnen. Roman. Nachwort von Jens Malte Fischer, Zürich: Manesse 2017, S. 62–63.

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