Thema und Variation

Antikes Collier mit fünf Mikromosaiken aus Rom, um 1860

Rom und seine Umgebung, die Campagna, zogen im 19. Jahrhundert viele Reisende aus ganz Europa an. Die Größe des Alten Roms, die Schönheit der arkadischen, weiten Ruinenlandschaft um die Ewigen Stadt, nicht nur Goethe erlebte hier einige der schönsten Stunden seines Lebens. Das hier vorliegende Collier ist ein Zeugnis dieser Liebe zur Landschaft und zur Stadt – und ein sehr persönliches Erinnerungsstück. Fünf Medaillons aus Mikromosaik zeigen Veduten, die das Herz schnell höher schlagen lassen. In der Mitte ein Ausblick auf die Campagna mit einer Pinie, einem rosig-hellblauen Himmel und einer Villa am Fuß eines sanften Hügels. links dann eine Ansicht des Pantheons, rechts das Kolosseum. Und an den beiden Seiten, ganz links und ganz rechts, erneut zwei Mal dieses größte aller Amphitheater! Offenbar sind die Mosaiken das Ergebnis einer Sammlung bei verschiedenen Werkstätten oder Händlern, denn die Formate und Qualitäten, auch die Art der Darstellung variieren leicht. Vor allem war die Auswahl der Motive offenbar eine sehr persönliche. Denn warum sollte sonst das Kolosseum gleich drei Mal aufgenommen sein? Verband die ursprüngliche Trägerin hiermit eine besondere Erinnerung? Oder liebte sie die variantenreichen Feinheiten, welche die Darstellungen unterscheiden? Die Art des Colliers mit seinen elegant ausschwingenden Verbindungskettchen und die klaren, einfachen Fassungen der Mosaike lassen uns das Stück in die Jahre kurz nach der Jahrhundertmitte datieren. Ein ganz vergleichbares Collier findet sich z.B. bei Chiara Stefani: Ricordi in Micromosaico. Vedute e paesaggi per i viaggiatori del Grand Tour, Rom 2001, Kat.-Nr. 13, S. 56.

Der Ursprung der Kunst des Mikromosaiks liegt in Rom. Hier, genauer im Vatikan, bestand seit dem 16. Jahrhundert eine Werkstatt für Mosaike aus Glassteinen. Zunächst um die im Petersdom aufgestellten Altargemälde in dauerhafter Form gegen Kerzenruß, Feuchtigkeit und Dreck zu schützen, welche die vielen Pilger in die Kirche brachten. Später, nachdem diese Aufgabe dann abgeschlossen war, entstanden weiterhin Gemäldekopien sowie Landschaftsdarstellungen in Gemäldegröße. Die Idee, diese letztlich antike Technik auch für Schmuckstücke und zur Dekoration kunstgewerblicher Gegenstände zu nutzen, entstand zum Ende des 18. Jahrhunderts. Im Rahmen der Grand Tour erreichten zahllose Reisende aus Nordeuropa die Stadt und erzeugten eine große Nachfrage nach Souvenirs. Nicht zuletzt um diesen Markt zu bedienen, entstand eine ganz neue Kunstform: Mikromosaike sind klein und transportabel und eigneten sich daher ganz besonders dazu, mit in die Heimat im Norden genommen zu werden. Da sie außerdem meist die Schönheiten Roms oder Motive aus der Antike zeigen, verwundert ihr Erfolg als Reiseerinnerung kaum. Die „Erfindung“ des Mikromosaiks verbindet sich vor allem mit Giacomo Raffaelli und Cesare Aguatti, welche um das Jahr 1775 herum diese Technik perfektionierten. Sie begründeten eine Tradition, aus der bis zum Ende des 19. Jahrhunderts Mosaike mit einem derartigen Detailreichtum und Kunstfertigkeit entstanden, welche nie zuvor und auch nicht mehr danach erreicht wurde. Denn bis heute werden in Rom entsprechende Mosaike hergestellt, wenn auch in deutlich minderer Qualität. Vgl. zur Technik und Geschichte des Mikromosaiks die einschlägige Literatur: Maria Grazia Branchetti: Mosaici minuti romani, Rom 2004, mit vielen Arbeiten Giacomo Raffaellis, sowie Roberto Grieco/Arianna Gambino: Roman Mosaic. L’arte del micromosaico fra ’700 e ’800, Mailand 2001.

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