Haare, fein wie gesponnenes Gold...

Antikes Armband aus geflochtenem Haar, Gold & Granat, um 1850

Geschenke aus Haar waren im 18. und 19. Jahrhundert fester Bestandteil der Freundschafts- und Liebeskultur. Die Familie, das eigene Haus und die Freunde spielten im Leben der damaligen Zeit eine große Rolle, das Zeitalter der Romantik war von besonderer Empfindsamkeit geprägt. In diesem Zusammenhang entstanden Schmuckstücke aus Haar, die als besonders persönliche Geschenke eine innige Verbundenheit ausdrücken sollten. Stendhal, der große französische Romancier des frühen 19. Jahrhunderts, überliefert in seinem Briefwechsel mit Balzac, dass auch Männer solchen Schmuck aus Haar trugen. Als 1810, auf dem Höhepunkt der Herrschaft Napoleons, die eingeschüchterten Österreicher in St. Cloud mit Frankreich über ein Bündnis verhandeln mussten, konnte er beobachten, wie der österreichische Unterhändler Fürst von Metternich ein Armband aus Haar von Caroline Murat trug, der Schwester Napoleons. So konnte er seinen Willen zum Bündnis beider Länder auf subtile Weise ausdrücken, welches wenig später die Ehe Napoleons mit Marie-Louise von Habsburg, der älteste Tochter des österreichischen Kaisers Franz I., besiegelte. Als Ironie der Geschichte verbündete sich die enttäuschte Caroline Murat wenig später mit Österreich gegen ihren Bruder – das Band aus Haar am Arm Metternichs verband beide somit noch weit mehr und länger, als diese wohl zuerst ahnten. Vgl. Stendhal: Die Kartause von Parma, München 2007, Kommentar, S. 802. Das hier vorliegende Armband ist ein besonders kostbares Beispiel dieser Tradition. Die große Schließe aus Gold in den typischen, voluminösen Formend der Jahre um 1850 ist mit Granaten und echten Perlen besetzt. Geben diese Steine über ihre Farbigkeit und Bedeutung bereits das Thema der Liebe vor (Perlen galten als Attribute der Liebesgöttin Venus), lässt die Flechtung des Haares hier keinen Zweifel offen: Das braune Haar ist in einer Reihe endloser ineinander verflochtener Knoten gebracht, die so die Unauflöslichkeit und Unendlichkeit der Liebe verdeutlichen. Wer das Band einst verschenkte und wer es trug wissen wir leider nicht. Dabei musste das Haar nicht unbedingt vom Schenkenden selbst stammen: Schmuckstücke wie dieses wurden auch bereits fertig geflochten zum Kauf angeboten: Man verstand das Haar als symbolisches Material.

Brigitte Marquardt bildet in ihrer Publikation zu Schmuck des Biedermeier, München 1983, auf S. 208, einige Schmuckstücke der Erinnerungskultur des 19. Jh.s ab, die zum Teil aus menschlichem Haar gearbeitet sind und erklärt deren Bedeutung: Die Verarbeitung von Haar zu Schmuckstücken basiert in der Bedeutung des Haares als Teil des ganzen Menschen, das durch seine Haltbarkeit gleichsam unsterblich ist. Im Volksglauben ist das Haar der Sitz der Lebenskraft. Schmuckstücke dieser Art waren oftmals Geschenke von heiratenden Töchtern an deren Mütter, so konnte im wahrsten Sinne des Wortes, ein Teil des Kindes, das das Haus verlässt, bei der liebenden Mutter bleiben und immerwährende Erinnerung sein, auch wenn die Tochter nun ihren eigenen Hausstand gegründet hatte.

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