Engel der Ewigen Stadt

Erstklassige Goldbrosche mit Muschelgemme, um 1870

Kommen Sie mit auf eine Reise nach Rom, in die Ewige Stadt. Hier, in der zweitausendjährigen Metropole am Tiber entstand zur Mitte des 19. Jahrhunderts eine ganz neue Mode im Bereich des Schmucks. Goldschmiede wie die Meister der Familie Castellani schufen hier – erstmals in der Geschichte der Neuzeit – Objekte im Stil der Antike, nach kostbaren Stücken aus etruskischen Gräbern und römischen Vorbildern, welche so den Schmuck und die Schönheit der Antike für die Damenwelt ganz dingfest greifbar werden ließen. Dieser Schmuck im sog. Archäologischen Stil war ein großer Erfolg. Als Verweis auf die eigene, große Geschichte fiel er auf großes Interesse. Wie Deutschland war Italien erst im 19. Jahrhundert zu einem einheitlichen Nationalstaat zusammengewachsen. Schmuck in diesen so besonders Italienischen Formen (zugleich modern und zuvor nie gesehen) zeigte da zugleich die eigene Geschichte und große kulturelle Tradition, deren Erbe man selbst war. Ein besonders gut erhaltenes, erstklassig ausgeführtes und auf ganz typische Weise entworfenes Schmuckstück dieses Stils liegt hier vor. Es handelt sich um eine Brosche aus hochkarätigem Gold mit einer besonders plastisch geschnittenen Muschelgemme. Der breite Rahmen trägt reiche Ornamente, die nach antiken Vorbildern gestaltet sind, typisch für diesen Stil: Wir sehen eine Folge von granulierten Kreisen, polierten Stäben und gedrehten Kordeln, die dem Rahmen sein schönes Spiel von Licht und Schatten verleihen. Die Gemme zeigt einen Engel, einen Putto, der eine kleine Tafel mit der Aufschrift „ROMA“ trägt. Die Schnitzarbeit verlässt die Ebene des Reliefs und ist viele eher eine plastische Skulptur. Das Weiß der Darstellung wölbt sich über den braunen Grund und der Kopf des Engels ist beinahe freiplastisch gearbeitet. Von links und rechts bietet er unterschiedliche, detailreiche Ansichten und ist doch zart und schön in seinen kindlichen Formen. Diese einzigartige, einzigartig Römische Verbindung von Antike und Christentum ist typisch für Schmuck im Archäologischen Stil aus Rom. Hier, in der Stadt der Kaiser und der Päpste, konnte das eine kaum ohne das andere bestehen. Und offenbar war diese Verbindung auch im 19. Jahrhundert noch so lebendig, dass die galanten Damen bzw. die Besucher der Stadt gerade diese Verbindung als typisch für Rom empfanden und daher Schmuck mit diesen Motiven gern erwarben. Die Brosche ist sehr gut erhalten und wurde offenbar stets in Ihren gehalten. Alle Formen sind so klar und geradezu kristallin, dass man es kaum glauben mag, dass auch dieses Stück von Hand ausgeführt wurde. Sie ist in den Jahren um 1870 entstanden. Zu den vorbildlichen Werken der Castellani und zur Datierung vgl. z.b. Susan Weber Soros/Stefani Walker (Hg.): Castallani and Italian Archaeological Jewelry, New Haven/London 2004, z.B. S. 16ff., auch David Bennet und Daniela Mascetti: Understanding Jewellery, Woodbridge 2010, S. 187f.

Bis zum Beginn des 19. Jahrhunderts waren die Formen wirklich antiken Schmucks noch unbekannt. Weder in der Renaissance, noch im Klassizismus hatten Ausgrabungen echten Schmuck der Alten hervorgebracht. Die Entwürfe dieser Epochen waren lediglich Annäherungen an ein Ideal gewesen, das man sich aus anderen Zusammenhängen wie der Architektur erschließen musste. Mit der Entdeckung echten etruskischen Schmucks ab den 1820er Jahren in Italien änderte sich dies schlagartig. Prinzessin Alexandrine von Canino etwa war dafür bekannt, gern einige auf ihrem Landsitz bei Rom gefundene original etruskische Schmuckstücke zum Neid ihrer Freundinnen zu tragen. Doch die Zahl der Stücke, die ja alle Zufallsfunde waren, bleib gering und originalen, Jahrtausende alten etruskischen Schmuck konnte weiterhin nur ein Bruchteil der Damen besitzen. Daher begannen die Goldschmiede jener Jahre schon bald, Schmuckstücke nach nun endlich bekannten antiken Formen herzustellen. Besonders Pio Castellani aus Rom und seine Söhne taten sich hier hervor und gestalteten Schmuck, der ab der Mitte des Jahrhunderts zu einem in ganz Europa bekannten Markenzeichen und einer wahren Mode wurde. In Deutschland und Österreich entstanden entsprechende Stücke ab den mittleren 1860er Jahren. Zum Schmuck der Castellani vgl. ausführlich Susan Weber Soros/Stefani Walker (Hg.): Castallani and Italian Archaeological Jewelry, New Haven/London 2004.

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